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Dieses Thema hat mich dann doch echt geschafft, ich musste quasi mit mir selbst in den Ring steigen. Ich gehöre eher zur Harmoniefraktion und suche nicht gerade die Auseinandersetzung. Eskalation? Fehlanzeige. Und dann gibt’s da doch auch Situationen, da könnte ich…

Konfliktscheu oder zu faul zum Streiten?

Ich gehe mal davon aus, dass die meisten von uns das Streiten nicht gelernt haben und das, was sie vorgelebt bekamen, nicht wirklich so weiterführen wollen. Nicht verwunderlich also, dass wir uns vor Konflikten scheuen, vor echten Auseinandersetzungen. Was wir nicht kennen oder nicht können, versuchen wir zu vermeiden. Soweit so klar. Doch was wir nicht gut können, können wir lernen. Also nicht vermeiden, sondern üben und daran wachsen.

Gerade sensible Menschen tun sich besonders schwer damit. Unsere Welt soll friedlich sein und harmonisch. Völlig unbeeindruckt davon, ob es uns gefällt oder nicht, zieht hin und wieder doch ein Gewitter auf. Es wird dunkel und kalt und der Wind pfeift einem um die Ohren. Unangenehm das, doch danach wird es wieder hell und zurück bleibt klare, reine Luft.

Konflikt außer Haus

Wie das Filmbeispiel im Beitrag von Christina Wenz zeigt, können wir uns in bestimmen Phasen gegenseitig unproduktiv hochschaukeln. Nicht ganz unerheblich ist jedoch, auf welches Terrain so ein Giftpfeil trifft. Ruhe ich in mir selbst, können mir bissige Bemerkungen wenig anhaben, bin ich sowieso schon gereizt, kläffe ich zurück.

Wird bewusst gehandelt oder im Affekt reagiert? Beides kreiert völlig unterschiedliche Resultate. Grundsätzlich sind Konflikte per se weder gut noch schlecht, dass obliegt einzig und allein unserer Bewertung – ähnlich wie beim Scheitern. Unser Dasein bewegt sich zwischen den Polen und wir selbst bestimmen die Richtung und was wir daraus mitnehmen.

Konflikt hausgemacht

Sensible introvertierte Menschen schätzen andere Menschen oft besser ein als sich selbst. Sie befürchten, der Rest der Menschheit wird das früher oder später auch herausfinden. Es fühlt sich so an, als wären sie nicht richtig so wie sie sind, nicht ausreichend, nicht perfekt genug.

Im Affekt wird in einer bestimmten Situation überreagiert mit dem Hintergrund sich anders darzustellen, damit der scheinbare Schwindel nicht auffliegt. Bombastisches Krisenpotential. Letztendlich zündelt und funkt im Stillen eine dauerhafte Unzufriedenheit und früher oder später platzt ganz unerwartet die Bombe. Der andere weiß oft gar nicht, wie ihm geschieht. Gerade war doch noch alles gut???

Dabei müssen wir gar nicht anders sein! Wir sind so gemacht, weil wir so gemeint sind. Kompliziert wird es erst durch die Tarnkappentaktik. Authentisch sind wir pflegeleicht, dann klappt’s auch mit dem Nachbarn.

alles eine Frage der Reaktion

Wie oben schon erwähnt denke ich, dass es für Konflikte einen bestimmten Nährboden braucht. Mögliche Petrischalen sind die Angst vor oder die Suche nach etwas (Bestätigung, mehr Selbstwertgefühl). Wenn die äußere Faktoren – wie Keime – darauf treffen, docken sie an den oben beschriebenen Mangel- oder Willichnicht-Rezeptoren an und schon sind unsere „Knöpfe gedrückt“.

Sei authentisch

Kennst du das: die eigenen Wünsche denen anderer unterzuordnen, aus Angst anzuecken oder aus dem Gefühl heraus, es dem anderen schuldig zu sein? Ladys and Gentlemen eine wichtige Durchsage: der andere kann nicht wissen, dass du nur tust was du tust, weil du dir denkst, dass der andere das so erwartet. Klingt nicht nur kompliziert, ist es auch. Mal ein ganz verwegener Vorschlag: Frag den anderen aufrichtig, was er möchte. Und sage deutlich, was du wirklich willst oder mit welchen Ängsten du gerade kämpfst.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass Menschen, die ehrlich zugeben, was gerade wirklich los ist viel stärker beim Gegenüber ankommen, als solche, die nur so tun als ob. Wir alle nehmen viel mehr wahr, als das gesprochene Wort und die Zornesfalte auf der Stirn. Es verunsichert, wenn das, was unser Gesprächspartner äußert und das, was wir wahrnehmen, nicht zusammen passen.

Wenn du nicht sagst, was gerade mit dir los ist, zwingst du deinen Gesprächspartner zu interpretieren. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als dein Verhalten aufgrund seiner eigenen Erfahrungen zu bewerten. Das geht meist nach hinten los. Sage doch, dass du gerade verunsichert bist, weil der andere so abwesend wirkte oder dass du gerade aufgeregt bist oder Angst hast etwas falsch zu machen. Der andere weiß sofort woran er ist und du bist nicht seinen Vermutungen ausgesetzt.

Gute Miene zu bösem Spiel zu machen oder sich immer wieder für andere krummzulegen ohne auf die eigenen Körpersignale zu hören und zu stoppen, wenn die Kräfte aufgebraucht sind, ist ein weiteres Beispiel dafür, dass immer wieder unterdrückt wird, was sich eines Tages mit lautem Knall Gehör verschafft. Alles was nicht echt ist wird früher oder später für Konfliktpotenzial sorgen.

Verstand vs. Gefühl

Angenommen du glaubst weniger Bestätigung zu bekommen als jemand anderer. In dir zetert ein Mangelgefühl, deine Aufmerksamkeit verschiebt sich, deine Scheinwerfer strahlen genau die Spots an, die dein Mangelgefühl bestätigen. Du popelst so lange an der Zündschnur bis es knallt. Pah, siehste, du wusstest es! Genau da schaltet sich der Verstand dazu und der will nur eins, Recht haben. Und er bekommt prompt seine Bestätigung.

Verstand und Gefühl sind oft Antagonisten. Das ICH – der Chef von’s janze – setzt sich aus beiden Komponenten zusammen und hat die Hoheit darüber, wer gerade bestimmen darf: Kopf oder Bauch.

Einen Konflikt versuchen wir meist auf einer anderen Ebene zu lösen als er entstanden ist. Ein Mangel an Aufmerksamkeit kann jedoch nicht mit dem Kopf wegdiskutiert werden. Genausowenig wie die Entscheidung für oder gegen eine Geldanlage mit dem Bauch entschieden wird.

bewusst sein hilft

Der Verstand ist in der Lage Gefühle zu kontrollieren, jedoch hilft das in der Realität nicht wirklich, da Gefühle wiederum unbewusst unser Handeln steuern. Im Affekt können verbal dann doch ganz schön die Fetzen fliegen, während die Vernunft gerade Kaffee trinken ist.

Um mit Konflikten besser umgehen zu können sollten wir gute Verhandler werden. Üben können wir gleich bei uns selbst, indem wir Verstand und Gefühl als bewusste Partner etablieren. Je sicherer wir dabei werden, desto mehr lernen wir uns selbst kennen und wir haben immer schneller auf dem Schirm, worum es in einer brenzligen Situation wirklich geht.

Diese Klarheit ist der erste greifbare Schritt um sich bewusst entscheiden zu können: Möchte ich das gerade so oder nicht? Wir beschwören Konflikte mit anderen Menschen manchmal herauf, weil wir unsere Unstimmigkeiten von innen nach außen verlagern. Oft gerade dann, wenn eigentlich genau das verhindert werden sollte. Das Fässchen in uns, dass bei stetem Tropfen (beispielsweise durch ständiges Runterschlucken) irgendwann überläuft, müssen wir regelmäßig leeren. So können wir uns authentisch begegnen und trotzdem anderer Meinung sein.

Die Konflikte in uns oder mit anderen zeigen uns deutlich wo wir noch Baustellen haben, wo unsere Bedürfnisse liegen. Hören wir hin, anstatt diese vermeiden zu wollen, können wir uns selbst und unser Gegenüber besser kennenlernen.

wenn Nervensägen an deinen Nerven sägen:

Wenn dich das nächste Mal jemand mit einem Vorurteil, einer Bewertung oder einfach nur einer völlig anderen Meinung nervt, denke dir im stillen Kämmerlein: „interessant, was der/die für einen Gedanken hat“. Wiederhole das immer wieder, bis du dich beruhigt hast. Es ist was es ist, lediglich eine andere Sichtweise. Mit diesem Satz machst du dich frei von den Bewertungen anderer.

Schon Wilhelm Busch wusste

„Ach, die Welt ist so geräumig, und der Kopf ist so beschränkt“

deswegen kommt es eben nicht nur auf den Kopf, sondern auch auf unseren Bauch an. Nicht umsonst ist der Darm das Organ mit einem ähnlich üppig ausgestattetem Nervensystem wie das in unserem Gehirn. Dauerhafte Grummelstimmung im Bauch macht schlechte Laune im Kopf (und vermutlich auch anfällig für Konflikte :o). Anti-Konflikt-Doping: Versuch es morgens als erstes mal mit einer Banane, durch das Tryptophan wird Serotonin gebildet, was als Glückshormon gilt. Probiotika schaffen Ordnung im Darm, was ebenfalls für gute Stimmung sorgt.

Angestiftet wurde ich zu diesem Thema durch die Blogparade Konflikte als Chance von Christina Wenz. Vielen Dank dafür. (Nachtrag 04.11.15: Christina hat sich die Mühe gemacht und alle 45! Artikel zu dieser Blogparade samt Link kurz zusammengefasst.) Ach, und der angesprochene Roman-Polanski-Film „Der Gott des Gemetzels“ ist wirklich ein Meisterwerk der Erzählkunst mit genialen Akteuren, die uns einen fetten Spiegel vorhalten. Überzogen? Vielleicht, aber Übertreibung macht ja bekanntlich erst glaubwürdig ;o)

Mach die Türen ganz weit auf und lass dein Leben rein ;o)

Susan

 

 

 

 

 

 

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