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Scheitern hat in unserer Gesellschaft einen üblen Beigeschmack, ähnlich fies wie Mundgeruch. Das mit Ausreden zu überspielen wie mit einem billigen Mundspray macht es nicht besser. Und in beiden Fällen liegt das Problem – wie gewöhnlich – viel tiefer.

Unser Verhältnis zum Scheitern hat sehr tiefe Wurzeln: Erziehung, Herkunft, Wertmaßstäbe der Gesellschaft usw. Der Griff ins Klo ist weder sexy, noch charmant; sozial allerdings schon. Es ist unsere gemeinschaftliche Herausforderung damit umzugehen und gerechter Weise ist keiner davor sicher. Paradoxer Weise haben laut Alexander Hartmann „gerade die besten Jongleure die meisten Bälle fallen lassen“.

Mit dem Scheitern ist das ja so eine Sache.

Für die einen scheint es zum Erfolg dazuzugehören und völlig legitim zu sein. Für die anderen hat es mit Scham und Schande zu tun. Letztgenannte dürfte wohl die Mehrheit bilden, während die Anhänger der erstgenannten Gruppe vielleicht gerade an der Fünfprozenthürde kratzen.

Ich gehörte lange zur ersten Gruppe und schlich mit gesenktem Haupt und peinlich berührt von dannen, wenn ich mal etwas versemmelt hatte. Irgendwann dämmerte mir, dass das immer so weitergehen würde, wenn ich nix ändere. Guter Plan, aber wie anstellen?

Jeder von uns erlebt Tage, die keiner so recht haben will. Die sind dann voll mit Staus, ausrastenden Kunden, geplatzten Hosen und Terminen oder Kacke am Schuh. Und jetzt lüfte ich hier mal ein echtes Geheimnis. Bereit? Wirklich? *Trommelwirbel* Also jetzt: Die Kacke am Schuh geht vom drüber Ärgern nicht weg. So jetzt ist es raus.

Ja schon klar, theoretisch weißt du das auch. Doch darum geht es hier nicht. Beispiel: Während ich hier gemütlich mit sauberen Füßen im Warmen sitze kann mir nix passieren. Entspannung pur. Die Herausforderung kommt erst, wenn ich in … nein, ich werde das Wort jetzt nicht noch einmal wiederholen… wenn ich einen falschen Schritt mache. Genau das sind nämlich die Probeläufe, Teststrecke sozusagen.

Ich habe beschlossen: ich ärger mich nicht mehr darüber. Zu Beginn klappt das eher mäßig. Doch dann beginnt die Erfolgskurve zu steigen und der Frustpegel zu sinken. Irgendwann kann ich mich selber dabei beobachten – das wird wohl die Metaebene sein – wie mein Puls kurz steigt, die Stirn sich runzelt und im Abgang schon das Lächeln aufsteigt, weil ich es gerafft habe. Ich nix ärgerlich, ich lach mal ’ne Runde über mich selbst. So klappt’s auch mit dem Blutdruck. Was soll ich sagen, seit dem Tag hab ich mich nie mehr über irgendetwas oder irgendjemanden aufgeregt und das seit 1736. Pah, von wegen.

Scheiter doch bitte ab jetzt glücklich & richtig & heiter.

Warum ist es für manche wichtig „richtig scheitern“ zu können. Warum versuchen es andere „glücklich zu tun“ und dabei „heiter“ zu sein? Oder gehört das Scheitern zum Erfolg wie Klappern zum Handwerk? Egal, wen ich dazu befragt habe, die Meinungen gingen total auseinander. Von „Damit hab ich nix am Hut, woran sollte ich schließlich scheitern, ich versuch ja nix Neues“ über „äh, Scheitern, was das denn für ein negatives Thema, will doch keiner lesen“ bis zu „ach interessant, erzähl mal, was sagen denn die anderen so?“

Mich erstaunte die Power dahinter, denn keine Aussage kam einfach so über die Lippen. Immer war eine Menge an Gefühlen dabei. Was genau ist also das Potenzial dahinter? Diese enorme Kraft und Energie (leider meist destruktiv eingesetzt), muss doch in eine produktive Form gelenkt werden können.

Keiner von uns legt es bewusst darauf an. Scheitern macht kein Spaß, das ist mal klar. Und trotzdem passiert es, gehört zum Leben dazu. Wenn ich scheitern also nicht verhindern kann, wie gehe ich dann damit um?

Für introvertierte und sensible Menschen wie mich möchte ich dem Scheitern vor allen Dingen eines nehmen: die Scham. Die Angst zu versagen ist der Grund der Gründe warum ich nicht noch öfter das tue, was ich „eigentlich“ so gerne möchte. Es könnte nicht klappen, wie peinlich ist das denn? Vielleicht kennst du ja jemanden, der jemanden kennt, der davon schon mal gehört hat.

Meine erste FuckUp Night

Ich bin immer wieder überrascht, was das Thema Scheitern bei anderen so auslöst. Als ich vom Besuch meiner ersten FuckUp Night berichtete, stieß ich auf große Begeisterung. Es folgte die Frage, wie ich denn auf dieses Thema komme, das läge ja nicht so auf der Hand. „Weil mich das Thema Scheitern interessiert“ war meine prompte Antwort. Schallendes Gelächter, gefolgt von vielen Fragen. Komische Kombi, zweideutiges Lachen.

Scheitern, hat wohl auch etwas Voyeuristisches. So lange es anderen passiert, lässt es sich aus sicherer Distanz gut zuschauen. Bloß gut, dass wir gerade in unserem Glashaus sitzen, während andere sich zum Nappel machen. Was, wenn wir bewusst diese Distanz hinter uns lassen, unser Schweigen brechen und darüber reden? Was würde sich ändern, wenn wir mal so tun, als gehörte es ganz selbstverständlich zum Leben dazu (also auch zu deinem und meinem)?

Ich also auf der IX. FuckUp Night in Berlin in meinem alten Kiez Friedrichshain in uriger Umgebung direkt an der Rummeslburger Bucht. Die Idee dahinter: Unternehmer berichten offen und ehrlich darüber, dass sie in ihrer Selbständigkeit gescheitert sind. Was warum nicht geklappt hat und was sie daraus gelernt haben. Es geht um offenen Austausch, um Erfahrungen aus Niederlagen. Mutig und engagiert teilen die Redner mit den Anwesenden ihr Wissen und ihre Erfahrungen. Ein wunderbar heiterer und lehrreicher Abend, nur etwas feucht-kalt leider.

Nicht nur Firmen crashen, dass kriegen wir auch privat hin.

Es ist doch so, dass wir in unserer (scheinbar) perfekten Welt auch den Schein wahren wollen selbst perfekt zu sein. Nur dann gehören wir dazu. Schwierige Nummer das und verdammt anstrengend. In der Öffentlichkeit redet man – wenn überhaupt – nur mit vorgehaltener Hand über persönliche Niederlagen. Also wenn Geschäftsleute über das Scheitern sprechen können, um gegenseitig voneinander zu lernen, müsste das doch auch zwischen dir und mir möglich sein?

Es gibt ja bekanntlich mehr Menschen die kapitulieren, als solche, die scheitern. Wünschenswert wäre Anerkennung für die Menschen, die Neues wagen. Für die, die Energie aufbringen und den Mut, in Angriff zu nehmen, wovor sie Angst haben. Ohne diese Entdeckermentalität säßen wir heute wahrscheinlich noch in Höhlen. Lasst uns aufhören mit dem Finger auf die zu zeigen, die gescheitert sind, sondern dafür klatschen, dass sie es versucht haben. Je mehr Menschen das tun, desto leichter dürfte es wohl allen den fallen, die noch folgen.

Energie folgt der Aufmerksamkeit

Sich mit Scheitern zu beschäftigen meint nicht, unsere Scheinwerfer einzig und allein darauf auszurichten. Sondern bedeutet vielmehr, das ungeliebte Stiefkind aus dem Keller der Verdammnis ans Licht zu holen. Je mehr wir es unterdrücken, vertuschen, verschleiern, desto mehr Energie wird es uns kosten.

Reden wir darüber, statt zu schweigen. Offenheit ist für Scheitern und Scham wie Sonne und Kreuz für Vampire! Lass unseren Fokus auf Lösungen richten, nicht auf Probleme.

Verletzlichkeit ist die neue Stärke!

Über Scheitern zu reden schafft einen ganz anderen Austausch und eine Offenheit zwischen Menschen. Wir zeigen uns von unserer verletzlichen Seite. Das fällt schwer in einer Fehlerkultur wie der unseren, von klein auf immer wieder auf unsere Defizite hingewiesen. (Vor meinem geistigen Auge erscheinen sofort Rotstift und Diktatheft.)

Wenn mir früher etwas nicht gelang, mochte es noch so profan sein, wie beispielsweise mehr als 3 Züge zum perfekten Einparken zu benötigen, war mir das schon peinlich. Überrascht war ich allerdings, als ich merkte, dass man ja auch darüber lachen kann. Also auf gut deutsch, läuft was daneben, dann reite ich eben dieses Pferd. Klappt wunderbar, macht den Alltag bunter und hilft enorm dabei, sich selbst nicht so ernst zu nehmen.

Tun ist das neue perfekt

Mein Gefühl kann täuschen, aber perfekt hat glaube ich ausgedient. Ich meine solche aalglatten Menschen an denen alles abzuperlen scheint, selbst das Leben an sich. Erfolgsroboter, die den Anschein erwecken (wollen) alles hundertprozentig perfekt abliefern zu können. Mich persönlich hat das immer sehr unter Druck gesetzt, weil ich eben so nicht bin. Was für eine Erleichterung.

Es geht darum authentisch zu sein, Gesicht zu zeigen und Position zu beziehen. Ein neues Miteinander, eine ganz andere Nähe. Wenn ich mit meinem Gegenüber gelebte Erfahrungen austausche, ist das eine Verbundenheit, die partout nicht mit Small Talk herbeizureden ist. Andere an eigenen Niederlagen teilhaben zu lassen, bricht das Eis und schafft Vertrauen. Es menschelt.

Lass uns auf den Weg machen

Also mach dich auf den Weg, wo auch immer du hinwillst und habe den Mut, den Karren auch mal in die Pampa zu setzen. Wichtig ist eine Entscheidung zu treffen und … Gummistiefel. Sei vorbereitet, dass es Hindernisse geben kann. Vielleicht wirst du einen Umweg gehen müssen ab und zu. Du wirst vor Aufgaben stehen, die dich herausfordern. Vertraue darauf, du bekommst nur solche, die du imstande bist zu lösen.

Ich bin keinesfalls der Meinung dem Kind nur einen freundlicheren Namen zu geben, so wie das viele mit „Herausforderung“ statt „Problem“ versuchen. Scheitern ist für mich unterm Strich anders als das, was ich mir vorgenommen habe. Das ist per se nicht gut oder schlecht.

Wie immer es ausgeht, es ist deine Entscheidung, was du für dich als Erfahrung verbuchst oder Irrtum. Erst nachdem wir den Weg gegangen sind zeigt sich, welcher unserer vielen Schritte, der erste in die richtige Richtung war. Vielleicht kann ich dich dazu anstiften mit mir gemeinsam zu experimentieren.

Scheitern ist vor allen Dingen eines: Interpretationssache!