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Die Momente, in denen ich meine Verletzlichkeit am meisten spürte, waren ganz oft die, in denen ich anderen stark erschien oder eine große Verbundenheit präsent war. Ebenso paradox ist, dass wir Verletzlichkeit an anderen als sympathisch empfinden, sie macht menschlich und nahbar. Doch an uns selbst möge der Kelch bitte vorüberziehen.

Und wenn es jemanden gibt, der sich mit Scham und Verletzlichkeit auskennt, dann ist es Brené Brown. Sie beschreibt sich selbst als forschende Geschichtenerzählerin. Sie ist einen Weg großer Unsicherheit gegangen und hat sich ihren Ängsten gestellt. Sie lädt damit jeden ein der Welt sein Selbst zu zeigen, mit offenem Herzen durch’s Leben zu gehen und ihm gleichzeitig die Stirn zu bieten.

Aus vollem und tiefsten Herzen zu leben bedeutet, sich selbst etwas wert zu sein und sich mit dieser Haltung auf das Leben einzulassen.

Sie spricht von Mut, Mitgefühl und Verbundenheit und ermuntert immer wieder dazu, gut zu sich selbst, also gut genug zu sein. Für mich ist dies der rote Faden des Buches: „Ja, ich bin unvollkommen und verletzlich und bisweilen auch ängstlich, aber das ändert rein gar nichts daran, dass ich auch mutig bin und liebenswert und dass ich dazugehöre.“ Sich mit der Welt verbunden zu fühlen ist eine Entscheidung.

Ich bin gut genug

Wir sind damit aufgewachsen uns Sorgen zu machen, uns zu beschweren und darauf zu achten, was alles ganz und gar nicht gut ist. Von Kindesbeinen an bekommen wir unsere Fehler rot angestrichen. Dadurch geprägt,  holen wir als Erwachsene weiterhin den dicken roten Marker raus achten mit Argusaugen auf die Fehler der anderen. Ganz zu schweigen von unseren eigenen.

Wie würde es uns wohl gehen, wenn wir das Gegenteil versuchen? Wenn wir uns entscheiden gut genug zu sein? Nicht in unserer Vorstellung. Nicht irgendwann, wenn das Einkommen hoch genug, das Gewicht stimmig genug, die Wohnung hip genug und Job erfolgreich genug ist. Die große Herausforderung ist, im Hier und Jetzt – an genau diesem Punkt – einverstanden zu sein. JA zu sagen. Im Frieden mit den eigenen Ecken, Kanten, Macken und Makeln.

Brené erzählt im Buch von ihrem Weg zum „gut genug sein“, egal ob sie ihr Pensum schaffte oder nicht. Das wichtigste dabei war, dass sie aus vollem Herzen ihr Bestmögliches getan hat. Zwei Dinge sind dafür wohl unerlässlich: den Status quo anzuerkennen bzw. das Unperfekte auszuhalten und zum anderen den eigenen Fokus darauf zu lenken, was bereits als Potential da ist und nicht ständig nach Fehlern zu suchen.

Wenn wir die Kontrolle behalten wollen….

Die Autorin beschreibt, wie sie mit Leistung versucht hat dem schmerzhaften Unbehagen, der unvorhersehbaren Risiken und emotionaler Blöße zu entkommen. Sie drehte auf, bis ihr keine Energie mehr zum Fühlen blieb, um dann in sich zusammenzufallen. Ihre Angst und die Verletzlichkeit wurden immer tiefer vergraben. Äußerlich wirkte sie unerschrocken, innerlich war sie verängstigt.

„Langsam begann ich zu begreifen, dass dieser Schutzschild eine zu schwere Bürde war und mich lediglich daran hinderte, mich selbst zu erfahren und zuzulassen, dass andere mich kennen lernten. Ich musste mich dahinter klein und still verhalten, damit ich keine Aufmerksamkeit auf meine Unvollkommenheiten und wunden Punkte zog. Das war auf Dauer sehr erschöpfend.“

Unsichtbar hinter unserem Schutzschild

Unsere  Verletzlichkeit nicht zuzulassen bedeutet ja zwangsläufig auch, uns nicht wirklich zu zeigen. Ein großer und wichtiger Teil fehlt. Gerade auch in der Arbeit als Coach merke ich, dass es aussichtslos ist, den anderen wirklich wahrzunehmen, wenn ich „dicht mache“, um mich (vermeintlich) zu schützen. Ich bin nicht offen für das, was mein Gegenüber mir offenbart. Das ist keine Einbahnstraße.

Teile von sich selbst zu verbergen wird auf Dauer wirklich unglaublich anstrengend. Nichtsdestotrotz ist die Verlockung auch immer wieder da sich anzupassen, unterzuordnen und auf  Zehenspitzen durchs Bild zu huschen, um sich der Aufmerksamkeit zu entziehen.

Nichts hat mein Leben mehr verwandelt als die Einsicht, dass es Zeitverschwendung ist, meinen Wert an der Reaktion der Leute auf der Zuschauertribüne zu messen.

Der Kopf nickt das verstandesgemäß zwar ab, doch gefühlstechnisch sind da noch ein paar Glaubenssatzhürden zu überspringen.

Brené’s Leben aus tiefstem Herzen:

  1. Kultiviere Authentizität: Befreie dich davon, was andere über dich denken könnten.
  2. Kultiviere Selbstmitgefühl: Befreie dich von Perfektionismus.
  3. Kultiviere seelische Widerstandskraft (Resilienz): Befreie dich von emotionaler Erstarrung und Ohnmacht.
  4. Kultiviere Dankbarkeit und Freude: Befreie dich von Mangel und der Angst vor der Dunkelheit.
  5. Kultiviere Intuition und Vertrauen: Befreie dich vom Bedürfnis nach Sicherheit.
  6. Kultiviere deine Kreativität: Befreie dich von Vergleichen.
  7. Kultiviere Spiel und Entspannung: Befreie dich von Erschöpfung als Statussymbol und Leistung als Ausdruck von Selbstwert.
  8. Kultiviere Ruhe und Stille: Befreie dich von Angst und Sorge als Lebenshaltung.
  9. Kultiviere sinnvolle Arbeit: Befreie dich von Selbstzweifeln und Vorgaben.
  10. Kultiviere Lachen, Singen und Tanzen: Befreie dich von cool sein und Kontrolle.

Mein Fazit:

Mich hat dieses Buch mitgenommen in meine eigene Verletzlichkeit und eine Verbundenheit zur Autorin hergestellt. Es ist keine leichte Lektüre, die sich so nebenbei weglesen lässt. Der wissenschaftliche Hintergrund ist unverkennbar und wird immer wieder mit Fakten untermauert. Jeder kann letztendlich für sich die Frage stellen, ob wir lediglich unser Wissen unter die Massen oder ob wir unser Innerstes wahrhaftig einbringen wollen. Wagen wir es, unsere Größe anzuerkennen?

Ich bewundere ihren Mut, sich diesem Thema auf ihre eigene Art zu stellen und sich so zu zeigen. Sie tut es auf eine authentische, liebevolle und sehr charmante Art. Nicht verwunderlich also, dass eine verletzliche Frau wie Brené Brown genau darin ihre Berufung findet und uns den Beweis liefert, dass gerade unsere Schatten uns zu Experten machen. 

Mehr Infos zur Autorin gibt es im TED-Talk  und natürlich im Buch „Verletzlichkeit macht stark“ von Brené Brown.

In welchen Situation spürst du deine Verletzlichkeit am meisten?