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Wirklich erklären kann ich es nicht, dass mir gerade ein Kinderspiel einfällt, während ich auf dem Wörtchen „Scham“ etwas angeekelt rumkaue.

Meine Kindheit ist schon eine Weile her, was schon dadurch erkennbar ist, dass sie offline stattfand. Und nicht nur das, wir waren den ganzen Tag draußen. Abenteuer pur, Baumhäuser und aufgeschürfte Knie inklusive.

Schlecht laufen konnte ich schon immer gut…

Neben Gummihopse (oder auch Gummitwist) verbrachten wir die Zeit auch mit Outdoor-Gesellschaftsspielen wie „wenn der Kaiser übers Land kommt…“. Das ist so eine Art Fangen mit Ansage. Einer der Spieler ist der Kaiser und der hat (wie im normalen Leben auch) das Sagen. Der Kaiser und die anderen Kinder stehen sich gegenüber. Der Kaiser sagt dann, wenn er über das Land kommt, möchte er die Farbe rot (oder eben jede andere Farbe) nicht mehr sehen. Die Kinder versuchen dann alles rote vor ihm zu verstecken, um unversehrt auf die andere Seite hinüberzukommen. Alle die, bei denen allerdings etwas rotes sichtbar ist, sind zum Fangen freigegeben.

Wahrscheinlich fällt es mir  gerade deshalb ein, weil ich mich sofort daran erinnere, dass schnell laufen noch nie zu meinen Spezialitäten gehörte (es sei denn, ich laufe vor etwas weg, doch das ist ein anderes Thema). Natürlich schämte ich mich, wenn ich als eine der ersten gefangen wurde.

… doch dafür bin ich gut in schlechtem Englisch

Im letzten Jahr war ich in einer wunderschönen CoWorking-Location in Andalusien mit sehr interessanten und inspirierenden Menschen. Was ich erst nach der Anmeldung mitbekam: die gesamte Veranstaltung  fand  in englisch statt. Ich und meine Sprachbegabung dachte ich mir und war kurz davor die Reise abzusagen. Tat ich natürlich nicht. Augen zu und durch. An meinem Glaubenssatz Fremdsprachen sind nicht mein Ding arbeite ich immer noch 😉

Scham und die rote Karte

Nun ist man mit der Scham an sich ja schon mehr als genug gestraft, doch das Leben setzt noch eine Schippe drauf. Soll heißen, man sieht es mir auch sofort an. Spätestens jetzt ist klar, warum mir bei Hr. Kaiser ganz spontan die Farbe rot einfiel. Damit es auch wirklich jeder schnallt, nimmt mein Antlitz die Farbe einer Leuchtrakete an.

Wie so oft zückt das Leben immer dann die rote Karte, wenn wir es partout nicht brauchen können. Beispielsweise an der Supermarktkasse, wenn man merkt: Geldbörse ist in der anderen Tasche oder wenn man bei der Fahrkartenkontrolle feststellt, dass man das Ticket zwar gelöst hat, aber nicht gestempelt. Wir wollen uns verkriechen im kleinsten Erdloch, einmal wegbeamen bitte und was passiert? Der Sympathikus macht aus unserem Schädel eine Rundumleuchte. Sollte er das Blut nicht besser in die Beine pumpen für den Fluchtreflex?

Wozu Scham gut ist

Wozu das alles? Weil uns als alten Herdentieren die Scham dazu anhalten soll, geltende Normen einzuhalten und somit unser Überleben zu sichern. Für uns selbst wirkt Scham wie eine Alarmglocke, unsere Umwelt beschwichtigt sie. Schließlich ist für alle erkennbar, dass wir die Schande kapiert haben und keiner weiteren Strafe bedürfen.  Auf diese Schmach hat unsere Spezies übrigens die Exklusivrechte.

Etwas Gutes hat das Ganze allerdings, in einer Studie in Berkeley fanden Wissenschaftler heraus, dass Menschen, die leicht in Verlegenheit geraten, als vertrauenswürdiger, sympathischer und großzügiger wahrgenommen werden, verglichen mit eher „ungerührten“ Menschen. Letztendlich bedeutet das, wer Scham empfindet – für sich selbst oder für andere – beweist soziale Kompetenz.

Wer aufmacht, der wird eingelassen

Und da ist es wieder: wer sich verletzlich zeigt,  der menschelt. Das „Aufmachen“ dieser Tür ist der entscheidende Schritt, um den anderen einzuladen, sich auch verletzlich zeigen zu dürfen. Dann ist es unser scheinbar gemeinsamer „Makel“, der uns verbindet.

Vielleicht ist das sogar eine Art heiliger Moment: Wenn wir uns von allem abgeschnitten fühlen, machen wir auf und durch dieses Öffnen können wir uns wieder verbinden.

Verletzlichkeit ist das große Wagnis des Lebens. Es ist das Leben, das fragt: Bist du ganz bei der Sache? (Brene Brown)

Das Ding ist, andere haben ihre Verletzlichkeiten und wir die unseren. Wenn sich andere verletzlich zeigen, geht uns das meist sehr nahe, wir wissen ihre Offenheit sehr zu schätzen. Es zeugt von Vertrauen, sich so zu zeigen. Wir finden das ist mutig. Warum also sehen wir die eigene Verletzlichkeit als Schwäche, die der anderen als Größe?

Scham ist nur was für andere

Wir finden es gut, sind gar erleichtert, die ungeschminkte Wahrheit und Offenheit im Anderen sehen zu können. Doch gleichzeitig fürchten wir uns davor, sie anderen zu zeigen. Die Angst unzulänglich zu sein, nicht gut genug zu sein hält uns davon ab.

Brene Brown fasst es so zusammen „Ich hatte Hemmungen auf die Bühne zu treten und dem Publikum mein Alltagsselbst zu zeigen – diese Leute waren viel zu wichtig, erfolgreich und berühmt. Und mein Alltags-Ich ist viel zu chaotisch, zu unvollkommen, zu unvorhersehbar. Das ist die Krux, unter der wir uns abringen:

  • Ich will die Verletzlichkeit anderer erleben, aber ich selbst will nicht verletzlich sein.
  • Bei anderen halte ich Verletzlichkeit für Mut, bei mir selbst für Unzulänglichkeit.
  • Ich bin von der Verletzlichkeit anderer angezogen, von meiner eigenen abgestoßen.“

Wir können uns nicht gegen Scham entscheiden. Wir können sie zwar vermeiden, dann allerdings dümpeln wir lediglich in den lauen Randzonen unseres Lebens rum. Und ganz nebenbei hat sich inzwischen herausgestellt, dass all das, was wir auf unsere persönliche Giftmülldeponie verbannen, sich uns eines Tages wieder in den Weg schiebt. Einer Lawine gleich, hat sich das Problem höher aufgetürmt als je zuvor.

Also warum nicht damit offen umgehen und akzeptieren, dass auch das zu uns gehört? Begeben wir uns immer wieder mutig in die Arena und stretchen unsere Komfortzone. Die Zeit ist reif uns dafür zu feiern, dass wir es versucht haben. Lassen wir das hadern, auch wenn etwas nicht so klappt, wie wir es uns vorgestellt haben. Und immer daran denken: so unangenehm Scham für uns selbst auch ist, andere finden es sympathisch.

Bei welcher Gelegenheit läuft dir Fräulein Scham über den Weg?

 

 

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